„Die Räder der Sieger“ heißt ein neuer Bildband aus dem Covadonga Verlag. Jan Heine und der Fotograf Jean-Pierre Praderes haben für dieses wunderbare Buch Fotografien von Rädern aus 12 Jahrzehnten (Baujahre von 1880 bis 1994) zusammengestellt und kommentiert. Jedes Rad wird in einem eigenen Kapitel in mehreren Bildern bis ins Detail dokumentiert. Zwischen den Bildern lesen wir Geschichten vom jeweiligen Rad, seinen Fahrer:innen, den Rennen, in denen es eingesetzt wurde und der Zeit in der es gefahren wurde. Ein Buch, das jeden Liebhaber von Rädern aus dem Stand heraus begeistern wird.
Die Räder der Sieger von Jan Heine Hardcover mit Schutzumschlag; 176 Seiten im Format 30 cm x 24 cm ISBN 978-3-936973-46-4
Dieser Text wurde initial am 04.09.2009 veröffentlicht!
Andrzej Stasiuk lebt seit einigen Jahren in einer Holzhütte im Wald von Czarne. Czarne liegt in den Beskiden, im Dreiländereck Polen/Slowakei/Ukraine und besteht aus besagter Holzhütte und einer Köhlerei. Hier wird Kohle für westeuropäische Supermärkte geköhlt und Dukla liegt ganz in der Nähe. „Die Welt hinter Dukla“ besitzt keine durchgehende Handlung. Das Buch setzt sich wie ein Mosaik aus Erzählungen über Reisen des Protagonisten nach, von und durch Dukla zusammen. Dukla ist das Städtchen „in dem sich alle Leere der Welt versammelt“. In dieser Leere lebt ein Völkchen, das in seiner Einfachheit den Leser mal zu Mitleid, dann zur Bewunderung bewegt. Fast zwanghaft kehrt der Erzähler immer wieder nach Dukla zurück und immer tut er das unter Einfluss eines besonderen Lichts: im „kühlen und durchsichtigen Ton der Luft, der den Blick nicht aufhält“, dem „schwülem, milchigen Gewittergrau“ oder im „Schatten des Morgens, der sich windverschmiert auf den Boden legt“. Bilder, wie aus einer Natur-Dokumentation, Dämmerung, Sonnenaufgang und alle Facetten von Licht, die zwischen diesen Polen möglich sind, beleuchten Stasiuks liebevoll geschilderte Welt in und um Dukla. Angeregt von dieser Erzählung bin ich nach Dukla geradelt. Schnell hatte ich in meinem alten Freund Wiepke einen Begleiter gefunden. Entdeckt haben wir ein Städtchen im südpolnischen Niemandsland, welches sich tatsächlich recht leer präsentierte: Im gleißenden Sonnenlicht eines polnischen Sommertages erreichten wir am frühen Nachmittag den Marktplatz von Dukla. Dieser ist ein rechteckiger Platz umgeben von historischer Bebauung und garniert mit einigen wenigen parkenden Autos. BIER schrie es laut aus unseren erschöpften Körpern, doch keine der hier ansässigen Wirtschaften hatte geöffnet. Und einen Supermarkt gab es nicht. Ein wenig irritiert (in polnischen Dörfern gibt es zwar manchmal keinen Supermarkt, aber Bier eigentlich immer) drehten wir einige Runden durch die Nebenstraßen des zentralen Platzes. Schließlich landeten wir nach erfolgloser Suche wieder am Marktplatz und ich im einzigen dort geöffneten Laden, einer Bäckerei. Wiepke hielt vor der Türe die Zügel. Bier schien es dort aber auch nicht zu geben, dafür eine große Auswahl an süßen Leckereien. Mit sehnsüchtigen Blicken versuchte ich die Aufmerksamkeit der hinter der Ladentheke stehenden, doch offensichtlich für Kundschaft zuständigen Dame zu erwecken. Das gelang mir leider nicht. Ihr Gespräch mit einer Kundin muss ein außerordentlich interessantes gewesen sein. Das Alles hat mich zunächst fast rasend gemacht, dann wutschnaubend aus dem Laden flüchten lassen und im Nachhinein begreifen lassen: Dukla zeigte sich, wie ich es bereits kannte. Aus „Die Welt hinter Dukla“.
„Die Welt hinter Dukla“ habe ich seitdem mehrere Male gelesen und halte die Erzählung für einen ganz großen Schatz aktueller Literatur.
Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000, 175 S.
Dieser Text erschien initial am 22. Feb 2010 und wird an dieser Stelle in einer überarbeiteten Version präsentiert.
Auf meiner Radtour von Zwickau nach Dortmund erreichte ich an einem schönen Sommernachmittag die Fähre Gruna. Sie wird mitsamt Passagieren von einem Fährmann per Muskelkraft an einem Seil ans gegenüberliegende Ufer gezogen. Man nennt diese Technik Gieren. Die Fährpassage ist idyllisch an einem wild maändernden Abschnitt der Mulde inmitten atemberaubender Natur gelegen. Besonders spektakulär wurde die Überfahrt aber erst durch den Fährmann und seine sehr eindringlich dargebotenen Einblicke in die Natur und Kultur der näheren Umgebung. Den steilen Pfad zur Fähre hinunterschiebend empfang er mich mit folgenden Worten:
Wollen Sie hier rüber oder nich? Habense vielleicht drei Euro passend, ein bißchen kann ich wechseln, sonst muss ich zum Fährhaus laufen. Ja prima, dann steigen se mal ein. Hier sehen se die Hochwassermarke von 2002. Wissen se, dass die Mulde der am schnellsten fließende Fluß Europas ist? Steht auch bei Wikipedia, können se nachlesen. Die KI bei Google weiß das auch. Die Fähre ist komplett handbetrieben. Hat ein Holländer erfunden die Technik. Die suchen ja immer nach Lösungen für die Wasserwege. Bei Hochwasser sind wir im Fährhaus manchmal vom Wasser eingeschlossen. Wir hatten schon Gäste, die fanden das so schön, dass sie ihren Urlaub verlängert haben. Bei uns läuft dann zwar der Keller voll, aber das macht uns nichts aus. Angler gibt es hier auch wieder viele, die fangen sogar Zander. Zander sind ein Zeichen für gutes Wasser. Zu DDR Zeiten war das hier ja eine dreckige Brühe. Wenn du reingefallen bist, musstest du direkt zum Arzt. Aber jetzt ist alles sauber. Die Papierwerke in Eilenburg leiten inzwischen nur sauberes Wasser ein. Das soll sauberer sein, als das, was sie entnehmen. Fahren se jetzt nach Bad Düben? Ist ne schöne Strecke direkt am Wasser entlang. Die Umleitung kurz vor Bad Düben können se ignorieren. Da kommen se gut durch, haben mir schon einige erzählt. Selbst Autos kommen da durch. Da wären wir. Ihnen noch einen schönen Tag und Danke!
Foto: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons
Immer dabei: Rotwein, Baguette, Käse und dunkle Schokolade
Upps, Zelt gefroren ...
Besuch am Morgen
Trotz Minusgraden, meist Sonne im Rücken
Zelt schon wieder gefroren
Blauer Himmel, Sonne, Frost
Der Abend kam schon gegen fünf ...
Weihnachtsmann mit Popo
An der Maas, nahe der Quelle
Schwemmland gefroren
Franzosen lieben Weihnachtsdeko
Eis am Maasradweg
Hurra, Belgien! Hier nehm ich den Zug, nicht das Schiff!
11 Tage – 1140 km – 6132 hm – Sonne – Frost – blauer Himmel – die kältesten je gefühlten Füße
Der gute Tom trat einen Job bei La Machine in Nantes an. Mein Studium stagnierte, also fuhr ich mit. Doch wie zurück kommen? Vielleicht mit dem Rad? Anfang Dezember? Keine gute Idee, oder? Kurze Recherche, Suchwort „Winterradtour“, Ergebnis: Winterradtouren werden mit viel Bedenken begonnen und enden euphorisch. … Logo, ich mach das!
Zunächst genoss ich mehrere Tage in Nantes, konnte die Werkstätten von La Machine besichtigen und wurde köstlich bekocht. Eines Morgens sollte meine Radtour starten. Es wehte ein orkanartiger Sturm vom Atlantik in Richtung Osten. Gastgeber Manu ließ mich nur widerwillig fahren, es sei gefährlich bei dem starken Sturm. Am ersten Tag überquerte ich mehrfach die Loire. Dies ging nur in Schräglage gegen den Wind gestemmt. Abends baute ich mein Zelt auf, direkt am Fluss. Ich schlief sehr gut, so dass ich den nächtlichen Wetterwechsel nicht bemerkte: Der Sturm aus dem Westen wich einer frostigen Ostwetterlage. Die Temperaturen gingen ins Minus. Am Morgen Rad und Zelt steif gefroren. Kann ein Fahrradrahmen bei diesen Temperaturen brechen? Ich wußte es nicht, habe es getestet, hat gehalten.
Die folgenden Tage präsentierten sich feierlich: Blauer Himmel, Sonnenschein und Temperaturen im zweistelligen Minusbereich. Mein wertvollstes Utensil: der Trangia Kocher. Das Nachtlager im Zelt wurde gegen fünf Uhr nachmittags bezogen. Nicht selten hatte ich 12-13 Stunden Schlaf. Echter Urlaub sozusagen. Morgens dann in die eiskalten Radschuhe schlüpfen. In der ersten Stunde gab es nur ein Ziel: Hände und Füße warm fahren. Zuweilen dauerte das auch zwei Stunden.
Nach einigen Tagen verließ ich die Loire und fuhr weiter gen Westen zur Quelle der Maas hinauf. Ob das einen Einfluß auf die Temperaturen hatte, kann ich nicht mehr sagen. Fakt ist: Die Heringe meines Zeltes liessen sich immer schwieriger in den Boden stechen. Von der Maasquelle führte mich die Tour Richtung Belgien. In Dinant faszinierte der Wegweiser Richtung Bahnhof dann dermaßen, dass ich mich in den unglaublich warmen Zug in Richtung Heimat setzte. Mein gesamter Körper begann zu glühen und mein Kopf schien in einem wohligen Rauschzustand zu schweben: Winterradtouren werden mit Bedenken begonnen und enden euphorisch!
1978 – Stolberg, Rheinland im Hause der Familie Hermes: Der Radwanderer feiert seine Kinderkommunion. Eine weiße Kerze in der Hand steht er in seinem dunkelblauen Cord-Anzug irgendwo auf dem Donnerberg und weiß noch nicht genau, was auch immer für ein Glück dieser Tag für ihn bereit halten wird. Alle sind sie gekommen, Opa und Oma, natürlich Eltern und Schwestern und sogar Onkel Willi. Hastig trennt er das wertvolle Geschenkpapier von einem viel zu klein erscheinenden Inhalt. Und … es ist ein Schlüssel. Vater Bruno sieht das Pipi in seinen Augen und greift mit einem Hinweis auf den Schuppen ein. Gerade noch rechtzeitig. Halb schluchzend, halb lachend stürmt der Radwanderer aus dem Wohnzimmer am Sandkasten vorbei in den neben dem Haus gelegenen Schuppen. Es ist ein Halbrenner, ein Prophete, ein echtes Prophete! Metallicgiftgrün, 24 Zoll, 10 Gang! Schon sitzt er im Sattel, jagt die Josefstraße entlang, ignoriert die Vorfahrt an Ilex- und Edelweißweg und fliegt am rechts der Straße gelegenen Spielplatz vorbei. Er versucht die ungewohnt vielfältigen Schaltoptionen mit der für das Fahrradfahren üblichen Tretbewegung in Einklang zu bringen. Schwierig, aber es geht! Schließlich haben sie das alle gelernt – Coppi, Mercx, Thurau und natürlich der unvergessene Bud.
Dieser Text erschien im Januar 2011 und wird an dieser Stelle überarbeitet erneut präsentiert!
Das Le Singe in Biel mit Livemusik von Seera geniessen.
Pontarlier, die Stadt des Absinths.
Herbstliche Stimmung am Lac de Joux.
Hurra, radfahren im Jura!
Der Turm ist das Ziel.
Auf der Hinfahrt Nebel, auf der Rückfahrt die Bestätigung, warum der Pass "Vue des Alpes" heißt.
Am Col de Vue des Alpes.
Mal kurz für eine wärmende Suppe einkehren.
Gemütliche Ankunft auf 1660 Metern Höhe am Mont Tendre ...
... und noch gemütlicher eine Stunde später am Mollendruz.
8 Tage – 324 Kilometer – 7.720 Höhenmeter – viel gefroren – nass geworden – vom Sturme verweht
Zu Beginn meiner Reise war es im Jura kälter als erwartet, dann wurden die Tage zunehmend nasser und schließlich noch kälter, nasser und zudem stürmisch. Am Col de Marchairuz wurde ich absolut durchnässt ohne Zögern ins etwas feinere Restaurant Marchairuz eingelassen. Die Schweizer sind gute Menschen.
Roland Girtler ist Fahrradfahrer. Er fuhr mit seinem Rad durch Österreich und entlang der Grenze zu Italien und Deutschland. Von dieser Reise und seinen Begegnungen berichtet er „vom Fahrrad aus“. Doch das ist nicht seine einzige Perspektive. Er schreibt auch aus der Sicht eines Wissenschaftlers, eines Soziologen. Girtler radelt „in der besten Tradition der Peripatetiker“. Das waren griechische Philosophen, die ihre Gedanken beim Herumgehen und Wandern fassten.
Auch ich entwickle die meisten meiner Geschichten in Bewegung, beim Radfahren. Ich cruise dann durch die Natur und in mir entsteht ein neuer Text. Zunächst ein Satz, der wird zur Szene, die wird zur Handlung und schon steht der neue Text. Leider vergesse ich die besten Passagen auf dem Weg nach Hause an das Schreibgerät. Es ist dann manchmal wie das Erwachen nach einem Traum. Gerade war er noch da, schon ist er wieder weg. Ich wünsche mir dann eine Schnittstelle, an der meine Gedanken aufgezeichnet werden. Ganz schön praktisch wäre das. Außerdem erinnert mich dieser Ansatz an eine Lesung der polnischen Autorin Olga Tokarczuk. Sie erzählte dort von einer russisch-orthodoxen Sekte, deren Glaube darin besteht, dass der Stillstand Teufels Werk sei. In logischer Folge befinden sich die Mitglieder der Sekte in ständiger Bewegung. Da auch diese Menschen einmal schlafen müssen, lösen sie das Dilemma, indem sie die Moskauer Metro nutzen. Die fährt die ganze Nacht und ermöglicht somit das Schlafen in Bewegung. Ich fand das ganz schön pfiffig, Olga auch. Ihr Buch hat dann auch den bezeichnenden Titel „Unrast“ bekommen. Doch eigentlich war ich ganz irgendwo anders. Deshalb zurück zu Girtler, dem Radfahren und den Grenzen. Girtler radelt alleine, „denn nur derjenige, der ohne Begleitung in einem Gasthaus einkehrt, hat die Chance, ins Gespräch gezogen zu werden und etwas über fremde Lebensart kennen zu lernen. Nur demjenigen, der alleine unterwegs ist, wird die Radtour zu einer Meditation. Er fängt an zu sinnieren, freut sich über die Natur, und die Phantasie schweift frei in weite Ferne“. Girtler, das sind meine Gedanken, die Worte dazu habe ich auf dem Heimweg verloren. Girtler radelt nicht zufällig an Grenzen entlang und über sie hinweg, sie faszinieren ihn. Er beschäftigt sich als Soziologe mit Randkulturen, schrieb über Schmuggler, Gauner, Aristokraten und feine Leute. Klar ist, wer am Rand der Gesellschaft lebt, bewegt sich ständig entlang einer Grenze: Die Grenze, die sein Leben abgrenzt von dem der Anderen. Girtler schreibt unterhaltsam und wissenschaftlich. Pole, die nicht gegensätzlich sein müssen.
Das Buch wird all diejenigen begeistern, die gerne mit dem Rad reisen, unterhaltsam dargebotene Wissenschaft mögen und sich für die kleinen aber feinen Dinge des Alltags begeistern können, wie zum Beispiel für den Tatzelwurm.
Lieblingsübernachtungsstelle für die Anreise Richtung Schweiz: bei Müllheim direkt am Rhein
Kurze Pause auf der Hinfahrt durch die Schweiz: Tour auf den Klausenpass
Arrosticini: gegrillte Schaffleischspieße (hier noch zum warm halten in Silberfolie gehüllt)
Kapelle mit Durchfahrt am Lago di Scanno.
Hinauf in die Monti della Laga. Dort oben war Mussolini inhaftiert.
Jetzt fehlen nur noch ein paar Höhenmeter zum Parkplatz unterhalb der Mussolini Hütte.
In der Ebene um Rieti wurde es heiß und das Wasser des Rivoduti erschien tropisch.
Schlucht am Valico di Monte Godi, ein Leckerbissen unter den vielen Anstiegen der Abruzzen.
Am Olmo di Bobbi, bekannt aus dem Giro. Hinten links an der Straße gab es hervorragenden Pecorino zu kaufen.
Da konnte man bestimmt in früheren Zeiten paradiesisch Urlaub machen ...
Restaurant im Skigebiet, wohl nicht mehr rentabel ...
Die wilden Wälder der Abruzzen: meist Eiche, Buche oder Waldkiefer.
Religiöser Kultort am Wegesrand.
Aufgrund des schweren Erdbebens 2009, stehen auch heute noch in vielen Dörfern Baukräne.
Wasser fassen! Der südliche Anstieg zum Blockhaus gibt sich fast baumfrei.
Auf dem Weg zum Blockhaus.
Publikum am Wegesrand.
Am Blockhaus auf 2100 m, letzter Gipfel des Urlaubs ...
... und danach die letzte Portion Pasta meiner Reise.
12 Tage – 909 km – 21.600 hm – heulende Wölfe – röhrende Hirsche – kulinarische Leckerbissen
Vorletzte Nacht des Urlaubs. Ich schlafe auf 1500 Meter Höhe im Bus. Morgens um 7 Uhr werde ich durch tierische Geräusche geweckt. Ich bin noch nicht wach, doch weiß ich bereits im Halbschlaf: Wölfe! Fast unbekleidet stürze ich aus dem Bus. Es ist schon hell. Wo kommt das Heulen her? Etwa 150 Meter von mir entfernt kann ich das Rudel plötzlich sehen. Es sind zirka sieben Tiere und sie rennen in einem ansehlich hohen Tempo einen Berghang hinab. Dabei verursachen sie einen heulenden Lärm, inkognito reisen geht anders! Nach wenigen Sekunden verschwindet das Rudel in einem Wald. Ich kann in den folgenden Minuten hören, wo im Wald sie entlang laufen. Sie entfernen sich zusehends, sehnen sich vermutlich nach ihrer wohlverdienten Tagruhe im tiefen Wald der Abruzzen.
Meine Lieblings Pausen Bank steht in Langweiler. Also dort, wo einst Langweiler stand. Auf ihr sitze ich inmitten von Feldern, umringt von drei Bäumen. Gerne in der Abendsonne, die gen Mariadorf untergeht. Unter mir das (nun) braunkohlearme, längst aufgefüllte Loch des ehemaligen Tagebaus.
Als ich eines Tages wieder einmal dort anhielt, fand ich eine zweite Bank vor. Sie war sichtbar selbst gezimmert. Auf ihrer Rückenlehne entdeckte ich zwei mit kräftigem Filzstift in scheinbar unsicherer Schreibweise aufgetragene Sätze: „Gestiftet von TeMo April 2023.“ Und darunter: „Ich bin eine Langwieler Jong.“
Monate später stoppte ich ein weiteres Mal an TeMos Bank. Kaum hatte ich mich niedergelassen, näherte sich ein betagter Radler auf einem Pedelec. Er hielt an, stieg ab, grüßte und kontrollierte den Mülleimer nach Pfandflaschen. „Die trinken hier abends oft Bier …“, erläuterte er in meine Richtung und fügte hinzu „… manchmal auch Wein.“ „Die Bank habe ich selbst gebaut“, setzte er das Gespräch fort und kam näher. „Ich bin in Langweiler geboren und hier aufgewachsen. Früher habe ich im Bergbau gearbeitet. Ich komme hier regelmäßig auf meiner Runde vorbei. Mein Sohn sagt, dass sei in meinem Alter zu gefährlich. Ich mache es aber trotzdem.“ „Früher bin ich Sonntags mit dem Rad bis nach Neuss gefahren. Aber ohne Motor, 50 Kilometer, ich hatte da ein Mädchen. Wir sind dann nachmittags Eis essen gegangen und danach ins Kino. Da ist aber nichts gelaufen, nur Händchenhalten.“ Er lachte laut, ich schmunzelte. „Ich habe sie dann nach Hause gebracht und bin im Dunkeln ohne Licht nach Langweiler zurück gefahren. War ja noch nicht viel Verkehr damals.“ Es entstand ein stiller Moment. Mir gefiel dieser TeMo irgendwie. Aber er wollte weiter. Er band sich noch die Schuhe. Einige Meter neben der Bank entdeckte er eine Getränkedose am Wegesrand. Er sammelte sie ein und verabschiedete sich. Ich bedankte mich bei ihm für seine Bank. TeMo verstaute die Getränkedose im Fahrradkorb und begab sich auf seine Runde. Ich schaute ihm hinterher und dachte: „Was für ein Langweiler! Ein echt kurzweiliger!“
5 Tage – 830 km – Mulde – Elbe – Mittellandkanal – Dortmund-Ems-Kanal
Auf meiner Radtour von Zwickau nach Dortmund erreichte ich an einem schönen Sommernachmittag die Fähre Gruna. Sie wird mitsamt Passagieren von einem Fährmann per Muskelkraft an einem Seil ans gegenüberliegende Ufer gezogen. Man nennt diese Technik Gieren. Die Fährpassage ist idyllisch an einem wild maändernden Abschnitt der Mulde inmitten atemberaubender Natur gelegen. Besonders spektakulär wurde die Überfahrt aber erst durch den Fährmann und seine sehr eindringlich dargebotenen Einblicke in die Natur und Kultur der näheren Umgebung. Den steilen Pfad zur Fähre hinunterschiebend empfang mit folgenden Worten:
Wollen Sie hier rüber oder nich? Habense vielleicht drei Euro passend, ein bißchen kann ich wechseln, sonst muss ich zum Fährhaus laufen. Ja prima, dann steigen se mal ein. Hier sehen se die Hochwassermarke von 2002. Wissen se, dass die Mulde der am schnellsten fließende Fluß Europas ist? Steht auch bei Wikipedia, können se nachlesen. Die KI bei Google weiß das auch. Die Fähre ist komplett handbetrieben. Hat ein Holländer erfunden die Technik. Die suchen ja immer nach Lösungen für die Wasserwege. Bei Hochwasser sind wir im Fährhaus manchmal vom Wasser eingeschlossen. Wir hatten schon Gäste, die fanden das so schön, dass sie ihren Urlaub verlängert haben. Bei uns läuft dann zwar der Keller voll, aber das macht uns nichts aus. Angler gibt es hier auch wieder viele, die fangen sogar Zander. Zander sind ein Zeichen für gutes Wasser. Zu DDR Zeiten war das hier ja eine dreckige Brühe. Wenn du reingefallen bist, musstest du direkt zum Arzt. Aber jetzt ist alles sauber. Die Papierwerke in Eilenburg leiten inzwischen nur sauberes Wasser ein. Das soll sauberer sein, als das, was sie entnehmen. Fahren se jetzt nach Bad Düben? Ist ne schöne Strecke direkt am Wasser entlang. Die Umleitung kurz vor Bad Düben können se ignorieren. Da kommen se gut durch, haben mir schon einige erzählt. Selbst Autos kommen da durch. Da wären wir. Ihnen noch einen schönen Tag und Danke!