Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla

Andrzej Stasiuk lebt seit einigen Jahren in einer Holzhütte im Wald von Czarne. Czarne liegt in den Beskiden, im Dreiländereck Polen/Slowakei/Ukraine und besteht aus besagter Holzhütte und einer Köhlerei. Hier wird Kohle für westeuropäische Supermärkte geköhlt und Dukla liegt ganz in der Nähe. „Die Welt hinter Dukla“ besitzt keine durchgehende Handlung. Das Buch setzt sich wie ein Mosaik aus Erzählungen über Reisen des Protagonisten nach, von und durch Dukla zusammen. Dukla ist das Städtchen „in dem sich alle Leere der Welt versammelt“. In dieser Leere lebt ein Völkchen, das in seiner Einfachheit den Leser mal zu Mitleid, dann zur Bewunderung bewegt. Fast zwanghaft kehrt der Erzähler immer wieder nach Dukla zurück und immer tut er das unter Einfluss eines besonderen Lichts: im „kühlen und durchsichtigen Ton der Luft, der den Blick nicht aufhält“, dem „schwülem, milchigen Gewittergrau“ oder im „Schatten des Morgens, der sich windverschmiert auf den Boden legt“. Bilder, wie aus einer Natur-Dokumentation, Dämmerung, Sonnenaufgang und alle Facetten von Licht, die zwischen diesen Polen möglich sind, beleuchten Stasiuks liebevoll geschilderte Welt in und um Dukla. Angeregt von dieser Erzählung bin ich nach Dukla geradelt. Schnell hatte ich in meinem alten Freund Wiepke einen Begleiter gefunden. Entdeckt haben wir ein Städtchen im südpolnischen Niemandsland, welches sich tatsächlich recht leer präsentierte: Im gleißenden Sonnenlicht eines polnischen Sommertages erreichten wir am frühen Nachmittag den Marktplatz von Dukla. Dieser ist ein rechteckiger Platz umgeben von historischer Bebauung und garniert mit einigen wenigen parkenden Autos. BIER schrie es laut aus unseren erschöpften Körpern, doch keine der hier ansässigen Wirtschaften hatte geöffnet. Und einen Supermarkt gab es nicht. Ein wenig irritiert (in polnischen Dörfern gibt es zwar manchmal keinen Supermarkt, aber Bier eigentlich immer) drehten wir einige Runden durch die Nebenstraßen des zentralen Platzes. Schließlich landeten wir nach erfolgloser Suche wieder am Marktplatz und ich im einzigen dort geöffneten Laden, einer Bäckerei. Wiepke hielt vor der Türe die Zügel. Bier schien es dort aber auch nicht zu geben, dafür eine große Auswahl an süßen Leckereien. Mit sehnsüchtigen Blicken versuchte ich die Aufmerksamkeit der hinter der Ladentheke stehenden, doch offensichtlich für Kundschaft zuständigen Dame zu erwecken. Das gelang mir leider nicht. Ihr Gespräch mit einer Kundin muss ein außerordentlich interessantes gewesen sein. Das Alles hat mich zunächst fast rasend gemacht, dann wutschnaubend aus dem Laden flüchten lassen und im Nachhinein begreifen lassen: Dukla zeigte sich, wie ich es bereits kannte. Aus „Die Welt hinter Dukla“.
„Die Welt hinter Dukla“ habe ich seitdem mehrere Male gelesen und halte die Erzählung für einen ganz großen Schatz aktueller Literatur.
Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000, 175 S.
Dieser Text erschien initial am 22. Feb 2010 und wird an dieser Stelle in einer überarbeiteten Version präsentiert.


































































































































































































